Rot lackierter Van mit aufgespanntem Zelt und zwei Fahrräder im Gras

Auf der Suche nach Marzana

Von Herbert Worm

Bevor die Dämmerung anbricht, heißt es runter von den Hauptstraßen, kleine möglichst unbefestigte Wege nehmen, um einen ruhigen Übernachtungsplatz* zu finden, an dem wir nicht gestört werden und wir auch niemanden verärgern. In der Dunkelheit einen guten Platz zu suchen und finden, ist ein Glücksspiel, denn vorbeifahrende Autos mitten in der Nacht fördern nicht den geruhsamen Schlaf. In dicht besiedelten Regionen ist das auch nicht immer einfach, da kann die Suche schon mal etwas Zeit in Anspruch nehmen. Trotz mehr als 40 Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet (weltweit) ist dieses „Suchspiel“ immer wieder spannend, oft gewürzt mit überraschenden Erlebnissen, aber bisher nie negativer Art. Bis in die Marzana-Region schaffen wir es heute nicht mehr. Den ruhigen Platz finden wir in der Nähe von Ponte Pattoli am Ufer des Fiumne Tevere (Tevere Fluss), dessen Rauschen uns sanft in den Schlaf wiegt.

* Dazu ganz zum Schluss noch mehr.

großes schwein grasst im wald zwischen bäumen

In Umbrien lassen viele Bauern ihre Schweine frei laufen und geben den Tieren eine Lebensqualität, von denen unsere Zuchtschweine nur träumen können. Ganze Schweinefamilien ziehen hier durch die Wälder auf der Suche nach Leckerbissen. Wir treffen diese Schweine der alten italienische Rasse Mora Romagnola kurz nachdem wir unseren Übernachtungsplatz verlassen haben.

IN MOTION:

Wir haben noch ein Stück Weg vor uns und um schneller voranzukommen, nehmen wir die E45 Richtung Norden, die wir bei Selci wieder verlassen. Weiter geht es nach Monterchi, biegen hier links ab auf die SP103, die uns auf einer landschaftlich sehr schönen, kurvenreichen Strecke nach Monte Santa Maria Tiberina lotst.

Burg auf bewölktem Berg mit Häusern und Bäumen

Monte Santa Maria Tiberina, ein kleiner Ort mit einer Befestigungsanlage und rund 1200 Seelen thront majestätisch auf einem Hügel. Die Befestigungsanlage wurde 1198 in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Papst Innozenz III. zerstört, später aber wieder aufgebaut. Oben in der Nähe der Festung gibt es auch einen kleinen Campingplatz, den hätten wir gerne besucht, hatten aber Pech. Im Oktober sind alle Campingplätze schon geschlossen und es wird wieder nix mit einer heißen Dusche. Dann also weiterfahren, biegen wenige Kilometer nach Monte Santa Maria Tiberia rechts ab nach Marcignano, decken uns in einem kleinen Tante Emma Laden mit dem Nötigsten ein, fahren vorbei an Olivenhainen und kommen unserem Zielgebiet immer näher.

Bei Molino della Nicola stoßen wir auf den Ring von Marzana und entscheiden uns für die Richtung gegen den Uhrzeigersinn. Im Uhrzeigersinn hätten wir noch ein paar Meter auf Asphalt gehabt, aber der Trieb zu unbefestigten Wegen war stärker.

Der Ring von Marzana

Hierbei handelt es sich um einen Rundkurs zu Ruinen antiker verlassener Orte, die bis auf das 14. Jahrhundert zurückreichen.

Marzana ist eine alte Geisterstadt römischen Ursprungs. Manche der verbliebenen Häuser waren bis in die 1950er-Jahre bewohnt, die Menschen lebten von der Viehwirtschaft. Der Rundkurs zu den verlassenen Stätten auf unbefestigtem Weg ist rund zwölf Kilometer lang und für Pkws ohne Bodenfreiheit, Allrad und entsprechender Bereifung nicht geeignet, das muss auch unser T5 4motion mit Straßenbereifung akzeptieren und wir halten Ausschau nach einem passenden Stellplatz. Den finden wir 300 m weiter von dem Platz entfernt, wo der kleine Wohnwagen rechts am Wegesrand steht (zu sehen im Video vom Trail). Wir haben auf dem Bergweg gerade mal 2100 Meter und 222 Höhenmeter zurückgelegt und hatten Glück, einen schöneren Platz hätten wir gar nicht finden können.

Weitwinkelansicht von Grasland, Bäumen und Bergen bei Sonnenuntergang.

Ein Video vom Trail:

Roter Bus mit aufgestelltem Vorzelt in nebligem Waldgebiet

Unser Basislager von oben

Zelt und roter Wagen im Camp unter Bäumen

Der Blick zu den Sternen

Erst zum Ende unserer Umbrien-Tour war uns dieser vergönnt, aber dann in voller Pracht. Wir kamen mit dem Zählen nicht mehr nach.

Sternenhimmel mit Milchstraße über Baum-Silhouetten bei Nacht
Sternenhimmel über Baumkronen bei Nacht

Die kleinen Kunstwerke der Natur macht der Morgennebel sichtbar.

Rot lackierter Kastenwagen neben einem Zelt im Gras unter Bäumen.

Wir sind umgeben von Kastanien-, Eichen- und Tannenwäldern. Das Unterholz ist dicht und besteht aus Besen, Farnen und Heidekraut und vorzügliche Speisepilze soll es hier auch geben. Jagdsaison scheint zur Zeit auch zu sein. In aller Herrgottsfrühe weckt uns das Geballere der Jäger. Worauf die schießen, wissen wir nicht, aber es gibt hier Wildschweine, Damwild, Dachs, Hasen, Stachelschweine ...

Kiesbank mit verrostetem Glasbehälter und Stab im SonnenlichtRad steht festgefahren zwischen Baum und altem Steinhaus im Wald.
Alter Steinbau mit Holzkonstruktion und grüner Vegetation im Vordergrund
Wegweiser mit roten Schildern in dichtem Grün, Steinhaus im Hintergrund
Steinerne Ruine am Ufer eines Flusses, umwachsen von Bäumen und Sträuchern.
Zwei Motorradfahrer fahren durch schlammigen Pfad neben altem Steinhaus.

Und ein Video dazu:

Gelbes Grasfeld im warmen Sonnenlicht mit Schatten und Lichtreflexen

Ein paar elementare Dinge

Beinahe überall in Europa ist es offiziell nicht erlaubt, wild zu campen. Ausnahmen sind hier Finnland, Norwegen, Schweden und die Schweiz, dort gilt das Jedermannsrecht allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung. In Deutschland zum Beispiel ist Wild-Campen ein Ordnungsdelikt, in Österreich dagegen eine Straftat. Ob man das Risiko trotzdem eingehen will, muss jeder selbst abwägen. Zudem ist die richtige Wahl des Platzes die halbe Miete – in der freien Natur gilt, diesen so zu verlassen wie man in vorgefunden hat, heißt: Keine Spuren hinterlassen, also den eigenen und soweit möglich auch fremden Müll mitnehmen. Es schadet auch nicht, wenn möglich, freundlich um Erlaubnis zu bitten hier übernachten zu dürfen. Wenn man mal groß muss, was sich im Outback wohl nicht vermeiden lässt, keine Tretminen legen. Verhaltet euch so als wärt ihr im eigenen Garten.

Dazu auch ein kleines Video von bikepacking.com: